Der öffentliche Nahverkehr als emotionales Produkt - Emotion Design - 2

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    © Steffen Böttcher
    Hochschule für Gestaltung Offenbach Der öffentliche Nahverkehr als emotionales Produkt - Emotion Design - 2

    Was wäre, wenn man alle zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel, ob S-Bahn, Bus, E-Scooter, Leihrad oder Carsharing-Angebote, gleichwertig miteinander verbinden würde, und zwar so, dass die Nutzerperspektive im Vordergrund steht und nicht die Marke des Anbieters? Was wäre, wenn man die unterschiedlichen Verkehrsmittel an Umsteigeplätzen so geschickt miteinander verbinden würde, sodass ‚Mini-Bahnhöfe‘ entstünden, die man gerne aufsucht? Konzepte wie diese werden aktuell am Institut für Mobilitätsdesign an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach entwickelt und untersucht. InterMoDe heißt das Forschungsprojekt, das gemeinsam mit der Stadt Offenbach gestartet wurde und das aus dem Programm MobilitätsWerkStadt2025 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit einer Fördersumme von einer Million Euro gefördert wird.

    Dabei geht es um die Gestaltung des kommunalen intermodalen Mobilitätsystems, für welches die Offenbacher das Bussystem als Rückgrat verstehen und für das Grundlagen in Form von übertragbaren Gestaltungsleitlinien erarbeitet werden. “Design fängt bei uns damit an, zunächst ein grundlegendes und neues Verständnis von der Bushaltestelle und ihrer zukünftigen Funktion in der urbanen Mobilität zu entwickeln.“ erklärt Heike Andersen, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Designerin am Institut. Urbane Mobilität und die Anforderungen aus Sicht der Nutzenden werden dabei von Anfang an neu gedacht. „Die Bushaltestelle ist nicht nur ein Ort, an denen der Bus hält. Intermodal betrachtet verbindet eine Haltestelle die Nahmobilität, d. h. Fuß- und Radverkehr, mit dem ÖV und Leihservices für Fahrräder und Autos in der direkten Umgebung der Haltestelle“ ergänzt sie. „So haben wir im Team die Idee des ‘Mini-Bahnhofes‘ entwickelt. Allein der Begriff Mini-Bahnhof setzt das gesamte Assoziationspotential des Umsteigens, des Wählens und Kombinierens von Fahrzeugen frei. Hierbei haben wir die Vorstellung“, betont Heike, „das gesamte Mobilitätsangebot als ein System zu begreifen und zu nutzen.“ Das beinhaltet alle mobilen Angebote, alle Ziele, alle Nutzerinnen und Nutzer. „Wichtig ist uns vor Allem, dass die Zukunft der Mobilität schon jetzt beginnt. D.h. unser Konzept lässt sich quasi sofort mit Hilfe von Informations- und Leitsystemen umsetzten und kann sich zukünftig zum Idealzustand einer Mobilstation, an der alle Angebote an einem Ort gebündelt sind, weiterentwickeln.“

    Das längerfristige Ziel: ein hohes Maß an Unkompliziertheit und angenehmen Wechsel der verschiedenen Verkehrsmittel bei gleichzeitiger Wohlfühlatmosphäre an den Umsteigeorten. Doch nicht nur das, auch Packstationen, Kioske und kleine Spielplätze oder Gärten, an denen sich die Menschen treffen können, bevor sie weiterfahren, werden hier mitgedacht. Diese Mini-Bahnhöfe sollen also mehr sein als ein einfacher Umsteigebahnhof. Sie sollen zum Zentrum der täglichen Mobilität in der Nachbarschaft werden und den öffentlichen Nahverkehr so angenehm wie möglich machen.

    Zumindest auf dem Ideentisch klingen einige der nötigen Maßnahmen für diese geplanten Zentren der Alltagsmobilität ebenso einfach wie wirkungsvoll: Eine App, mit der alle Tickets gebucht werden können, mit der man sich auch ein Taxi oder einen E-Scooter reservieren kann, klare Linien und eine einheitliche Farbgebung, damit der Weg vom Gleis zum Ziel problemlos und wie von selbst gefunden wird, begrünte Bushaltestellen, an denen man gern mal auch etwas länger wartet.

    Partizipative Formate wie Online-Befragungen, VR-Labs und eine Kommunikationskampagne sollen die Bürgerinnen und Bürger Offenbachs in das Konzept einbinden und einiges an Erkenntnisgewinn mit sich bringen. Welche Herausforderungen haben die Menschen eigentlich an Haltestellen und Bahnhöfen genau? Wie einfach lässt sich mit Fahrrad zum Bus und vom Bus in die Bahn wechseln? Bald schon sollen die Bürgerinnen und Bürger Offenbachs mittels VR-Brille in einen Computer-erzeugten Mini-Bahnhof eintauchen können, der so echt aussieht, als wäre man wirklich dort. Die Forschungsgruppe der Hochschule verspricht sich dadurch bessere Erkenntnisse darüber, wie sich die Bürgerinnen und Bürger hier zurechtfinden und wie wohl sie sich fühlen. Die Idee dieser Mini-Bahnhöfe – so zumindest die Vision der Offenbacher – könnten in allen Kommunen in Deutschland umgesetzt werden, in unterschiedlicher Größe und Ausstattung, in großen oder kleinen Gemeinden auf mehr oder weniger häufig genutzten Haltestellen.

    Bleibt nur noch die Frage, warum diese simple Idee nicht schon längst zum Alltag gehört. Die Verkehrswende ließe sich mit Sicherheit schneller und problemloser herbeiführen.

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