Musizieren und Komponieren mit Kontrollverlust - 1

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

Visualisierte Musik - Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main

„Kommt rein, es ist gerade eine echt schöne Stimmung oben“, begrüßt uns Karin Dietrich, die Leiterin des Institutes für zeitgenössische Musik (IzM) an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Wir betreten die Wartburg - eine der Spielstätten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden  - durch eine schwere Holztür und werden in den dunklen Theatersaal geführt, in dem bereits die Proben für das Projekt „Visualisierte Musik“ laufen. Studenten der HfMDK werden am nächsten Tag in Kooperation mit Studenten der Hochschule Mainz eine eigene Interpretation des Stückes „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann aufführen. Die Kompositions-Studenten, Musiker sowie Computerkünstler wollen eine Wechselwirkung zwischen live gespielter und elektronischer Musik mit projizierten Videosequenzen erschaffen. Das klingt spannend im doppelten Wortsinne und Orm Finnendahl, Professor für Komposition an der HfMDK in Frankfurt erklärt uns genauer, worum es bei diesem Projekt geht: „Die Musiker sehen heute eine Reihe von Videosequenzen und improvisieren dazu. Die Kompositionsstudenten an den Tischen bekommen das Signal der Musiker in einen Computer übertragen und können nun einzelne Sequenzen aufnehmen und transformiert wiedergeben. Dabei haben die Kompositions-Studenten keinen Einfluss auf die Tonhöhe oder die Melodie. Die Dauer jeder Sequenz ist auf maximal sechs Sekunden beschränkt. Das ist sehr gefährlich, weil es zu unglaublichem Lärm führen kann.“

Musizieren und Komponieren mit Kontrollverlust also. Und wofür kann das gut sein, will ich wissen? „Mir ist wichtig, dass die Hörhaltung eine andere wird. Der Kontrollverlust führt am Ende zu einer völlig neuen Wahrnehmungshaltung. Man arbeitet viel mit Geräuschen, die am Ende Texturen bilden. Die Loslösung vom Notensystem soll den Studenten helfen, sich und ihre Arbeitsweise zu hinterfragen und bei ihrer späteren Arbeit in der Komposition von neuen Perspektiven auszugehen. Sehen Sie, die anwesenden Musiker spielen normalerweise ausschließlich klassische Musik und haben nur wenig Zugang zu zeitgenössischer Musik. Auch zu Atonalität haben sie wenig Zugang. Das Projekt zwingt sie in die Improvisation und die Studenten beginnen, sich auf dieser Ebene zu verständigen. Diese Situation ist zwar relativ riskant, aber auch unheimlich produktiv und daraus entstehen dann Dinge, bei denen die Komponisten und Instrumentalisten selber überrascht werden. Das Beste, was passieren kann, ist, dass sie an Fragen kommen, die sie sich nie gestellt hätten..."

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