EU-Förderung

Von Hessen nach Europa

Prof. Dr. Karl Gegenfurtner

Justus-Liebig-Universität Gießen

Karl R. Gegenfurtner bei einem Vortrag

Karl Gegenfurtner ist Psychologe mit Schwerpunkt Wahrnehmungspsychologie. Er erforscht, wie das Gehirn visuelle Informationen verarbeitet, wie Wahrnehmung funktioniert. Vor allem beschäftigt er sich mit dem Zusammenhang zwischen sensorischer Verarbeitung und visuell‐kognitiven Prozessen sowie der Frage, wie visuelle Information benutzt wird, um mit der Umgebung zu interagieren.

• Was macht Ihr Forschungsprojekt im Bereich der Farbwahrnehmung in der Wahrnehmungspsychologie einzigartig?

Ziel meines Projekts ist zu erklären, wie die Farbwahrnehmung innerhalb unserer natürlichen Umgebung funktioniert. Bisher wurden in der Wahrnehmungsforschung oft recht reduzierte visuelle Reize benutzt, weil sich damit gezielt einzelne Mechanismen im Gehirn stimulieren ließen, und weil sich diese visuellen Reize sehr genau kontrollieren lassen. In unserer natürlichen Umwelt ist diese Kontrolle der visuellen Stimulation sehr viel schwieriger oder gar unmöglich. Deshalb wollen wir die technischen Möglichkeiten der Virtuellen Realität (VR) benutzen. In VR lassen sich inzwischen sehr detailreiche, drei-dimensionale, foto-realistische Reize und Umgebungen schaffen, die exakt und schnell verändert werden können. So ist es sogar möglich, die Physik zu verändern, um zum Beispiel indirekte Reflektionen des Lichts zwischen zwei Objekten „auszulöschen“. Damit können wir dann untersuchen, ob diese doch sehr subtilen Aspekte in unseren Wahrnehmungseindruck mit eingehen.

Gleichzeitig ist es durch aktuelle Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz möglich geworden, die entsprechenden neuronalen Verarbeitungsprozesse zu modellieren. Die Bilder der virtuellen Welt sind Eingangssignale in das Netzwerkmodell, und das Modell sagt die Wahrnehmung des Beobachters dann vorher, Bild für Bild. Bei genügend großen Datenmengen, hundert Tausenden von Bildern, erhält man Rückschlüsse über die der Farbwahrnehmung und Farbunterscheidung zu Grunde liegenden Prozesse.

• Was hat Sie konkret motiviert, sich an der Ausschreibung für den sehr renommierten ERC-Advanced Grant im EU-Forschungsrahmenprogramm zu beteiligen?

Das ERC-Programm bietet beinahe paradiesische Möglichkeiten, Grundlagenforschung mit höchster Intensität zu betreiben. In der Vergangenheit hatte ich von der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) enorm profitiert. Die DFG ist für mich die beste Förderorganisation weltweit, weil in deren Gremien von Wissenschaftlern gewählte Wissenschaftler entscheiden. Für die Spitzenforschung bietet der ERC aber noch bessere Möglichkeiten. Mit dem Advanced Grant, forsche ich jetzt mit einer Gruppe von 4-6 MitarbeiterInnen an Fragen der Farbwahrnehmung, wie wir Farben unabhängig von der Beleuchtung konstant wahrnehmen können, oder wie die spektrale Zusammensetzung der Beleuchtung den Eindruck von Helligkeit beeinflusst.

• Was werden bei der Durchführung Ihres von der EU unterstützten Projekts die interessantesten Aspekte und Zielmarken sein?

Wissenschaft bedeutet für mich, dass man sich gezielt Fragen stellt und hartnäckig versucht, die Antworten zu finden. Man hat dabei natürlich ein klares Ziel vor Augen, aber man weiß nie, wohin der Weg dann eigentlich führt, weil nach jeder neuen Antwort gleich weitere Fragen auftauchen.

Ich habe natürlich trotzdem konkrete Ziele. Wir wollen die Farbwiedergabe optimieren, so dass sich zum Beispiel der Farbeindruck auf einem Foto nicht von dem in der wirklichen Welt unterscheidet, und damit unabhängig vom Medium ist. Wir wollen auch herausfinden, wie die spektrale Zusammensetzung des Lichts sein muss, um die Lichtausbeute des visuellen Systems zu optimieren. Die jetzigen Standards beruhen auf 100 Jahre alten Messungen mit meiner Meinung nach inadäquaten Methoden. Verbesserungen dieser Standards könnten auch zu Einsparungen führen, wenn die Beleuchtungen so beschaffen sind, dass sie beim menschlichen Betrachter den Eindruck von Helligkeit maximieren bei gleichem Stromverbrauch.

• Was waren bisher Ihre wichtigsten Meilensteine und Etappen auf dem Weg hin zur erreichten Auszeichnung der EU?

Nach mehr als 35 Jahren in der Wissenschaft war für mich die interdisziplinäre Ausbildung an sehr wissenschaftsorientierten Standorten prägend. Während meines Studiums der Psychologie in Regensburg wurde mein Interesse an der Wissenschaft geweckt, und während meiner Promotion in New York am Center for Neural Science wurde ich zum Wissenschaftler. Am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik hat sich dann mein wissenschaftliches Blickfeld enorm erweitert. Wichtig ist die Erkenntnis, dass man auch große Probleme Schritt für Schritt angehen kann und muss. Dabei hat die Förderung durch die DFG meinen Werdegang positiv beeinflusst. Durch ein Habilitations- und ein Heisenberg-Stipendium, durch eine Koselleck-Bewilligung, Forschergruppe, Graduiertenkolleg und aktuell im Sonderforschungsbereich zur Wahrnehmung wurde ein Großteil meiner Forschung erst möglich. Dafür bin ich dankbar!

Prof. Dr. Claudia Wiesner

Hochschule Fulda

Prof. Dr. Claudia Wiesner ist seit 2018 am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda tätig und hat seit 2019 den Jean-Monnet Lehrstuhl "Bridging the Gap between the EU and it´s Citizens" inne. Sie beschäftigt sich u.a. mit den Themen Demokratisierung der EU und Europäische Identität. Sie promovierte 2006 zum Thema „Bürgerschaft und Demokratie in der EU“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen und habilitierte 2011 zum Thema „Die Ausbildung europäischer Identität und die Demokratisierung der EU durch nationale Europadiskurse" an der Philipps-Universität Marburg. Forschungs- und Lehraufenthalte führten sie u.a. an die Universität Jyväskyla in Finnland, an das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, an das Jean Monnet Centre of Excellence CEDI an der Technischen Universität Darmstadt sowie an das Minda de Gunzburg Center for European Studies an der Harvard University (USA).

• Was waren bisher Ihre wichtigsten Meilensteine und Etappen auf dem Weg hin zu den Auszeichnungen der EU?

Ich habe einen Jean Monnet Chair inne und leite zwei weitere EU-Projekte, das Jean Monnet Network „Debating Europe“ und das Projekt „Practising Transnational Politics".

Das Jean Monnet Projekt „Debating EU“ bildet eine fruchtbare Ergänzung meiner Forschung und auch der Aktivitäten im Rahmen des Jean Monnet Chair – es bietet die Möglichkeit, leitende Fragen in einer sechs Staaten übergreifend vergleichenden Perspektive tiefgreifend zu behandeln. Während der Arbeit an einem Projekt treten erst die Aspekte deutlich zu Tage, die weiterentwickelt werden sollten. Es ist sehr motivierend, wenn dann Mittel zur Verfügung stehen, dies auch tatsächlich zu tun.

Es ist sehr produktiv, mehrere EU-finanzierte Projekte gleichzeitig zu leiten, denn es ergeben sich in der Tat viele Synergieeffekte. Partnerschaften mit anderen Universitäten und Forscher/innen können stabilisiert und ausgebaut, Forschungsprogramme aufeinander abgestimmt, die Lehre auf ein einheitliches Qualitätsniveau gehoben und Europäische Integration in actu praktiziert werden.

• Was macht Ihre Forschung einzigartig, und was werden bei der Durchführung Ihrer von der EU unterstützten Projekte die interessantesten Aspekte und Zielmarken sein?

Das ERC-Programm bietet beinahe paradiesische Möglichkeiten, Grundlagenforschung mit höchster Intensität zu betreiben. In der Vergangenheit hatte ich von der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) enorm profitiert. Die DFG ist für mich die beste Förderorganisation weltweit, weil in deren Gremien von Wissenschaftlern gewählte Wissenschaftler entscheiden. Für die Spitzenforschung bietet der ERC aber noch bessere Möglichkeiten. Mit dem Advanced Grant, forsche ich jetzt mit einer Gruppe von 4-6 MitarbeiterInnen an Fragen der Farbwahrnehmung, wie wir Farben unabhängig von der Beleuchtung konstant wahrnehmen können, oder wie die spektrale Zusammensetzung der Beleuchtung den Eindruck von Helligkeit beeinflusst.

• Was werden bei der Durchführung Ihres von der EU unterstützten Projekts die interessantesten Aspekte und Zielmarken sein?

Das Jean Monnet Netzwerk „Debating Europe“ wie auch der Jean Monnet Chair „Bridging the Gap between the EU and its Citizens“ nutzen Debatte als Methode, um
a) Wissen über die Europäische Union (EU) zu gewinnen und zu verbreiten,
b) die Einstellungen und Positionen von Bürger/innen zur EU in der Tiefe zu verstehen
c) die EU in Forschung und Lehre sichtbar zu machen.
d) den Austausch zwischen Studierenden, Forschenden und den EU-Institutionen und ihren Mitarbeitenden zu fördern durch Konferenzen, Social Media und Publikationen

Primäres Ziel des Projekts ist es, die Distanz zwischen EU-Institutionen und BürgerInnen zu erforschen. Kern ist dabei eine vergleichende Untersuchung von Fokusgruppendiskussionen mit Bürger/innen in sechs verschiedenen EU-Mitgliedsländern (Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Kroatien, Slownenien). Im lebendigen Gespräch - in der Debatte eben – erörtern Bürger/innen dabei, was sie über die EU denken und aus welchen Gründen sie eventuell die EU, oder auch Demokratie im Allgemeinen, kritisch sehen. Mit diesem offenen Forschungsdesign werden wir Erkenntnisse erhalten, die in den klassischen geschlossenen Forschungsdesigns (z.B. durch Umfragen) nicht erkennbar sind: Während Umfragen nur zeigen, dass Menschen die EU oder Demokratie kritisch sehen, kann man sie im offenen Gespräch fragen, warum das so ist.

Genau diese Antworten brauchen wir dringend, um zu verstehen, was die EU besser machen kann: Meinungsumfragen diagnostizieren eine wachsende Distanz zwischen den sogenannten „EU-Eliten“ und den EU-Bürgern. Die EU hat ein Legitimitätsproblem, die Zustimmungsraten sind vor allem am Höhepunkt der Finanzkrise gesunken und Stimmen für populistische, extremistische, EU-feindliche und antidemokratische Parteien und Bewegungen sind in der gesamten EU auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund wird das Projekt erforschen, was Bürger/innen über die EU denken, die EU Bürger/innen näherbringen, und Wissenschaftler/innen, und Studierende, Regierende und Bürger/innen im Austausch verbinden.

Im Projekt „Patrapo“ kooperieren wir mit der Universität Zagreb und der Autonomous University Madrid. Gemeinsam bilden wir Studierende für die Teilnahme an UN-Planspielen aus, d.h., die lernen Theorie und Praxis der Vereinten Nationen kennen und vertreten am Ende einen Staat bei einem UN-Planspiel. So lernen sie die Realität und die Prozesse transnationaler Politik konkret und aktiv kennen, in einer Weise, wie das kein text allein leisten kann.

• Die Anbahnung und Durchführung eines EU-Forschungsprojektes beruht auf einem hohen Grad an Engagement und Antragsvorbereitung. Welche praktischen Tipps möchten Sie Forschenden mit auf dem Weg geben, die sich mit ihren Projekten erfolgreich am europäischen Forschungsrahmenprogramm beteiligen möchten?

Passung zu den Programmen und Unterstützung der Hochschule sind zentral.
Innerhalb der Hochschule Fulda gibt es eine sehr gute und sehr professionell aufgestellte Abteilung für Forschung und Transfer, die uns einerseits ganz intensiv und vorbildlich bei der Antragstellung unterstützt hat, die aber andererseits auch eine Dynamik aus den erfolgreich eingeworbenen Projekten gewinnt.
Zudem haben wir an der Hochschule seit mehreren Jahren ein An-Institut, inter.research e.V., das gezielt EU-Programme im Rahmen von Erasmus durch Dienstleistungen unterstützt. Inter.research ist nun auch ein Partner im Jean Monnet Network, wir profitieren vom Know-How, das dort seit Jahren angesammelt wurde, und das Institut arbeitet in einem internationalen Netzwerk mit.

Prof. Dr. Michaela Köttig

Frankfurt University of Applied Sciences

Prof. Dr. Michaela Köttig ist Sprecherin des Kompetenzzentrums Soziale Interventionsforschung am Fachbereich Soziale Arbeit & Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. die Biographieforschung, Radikalisierung und Radikalisierungsprävention, Familienkonstellationen, Zugehörigkeitskonstruktionen, Migration und politische Verortung und die Gendersensible Soziale Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen. Prof. Dr. Köttig promovierte 2003 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Nach Forschungstätigkeiten an den Universitäten in Göttingen und Köln wurde sie 2009 an die Fachhochschule Frankfurt (jetzt: Frankfurt University of Applied Sciences) berufen. Gastprofessuren führten sie 2013 an die Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul (Brasilien) und 2017 an die University of New South Wales (Australien).

•Was macht Ihr Forschungsprojekt zum Thema Extremistische Vorbeugung im Bereich des Anti-Extremismus einzigartig?
-Starker Praxisbezug im Hinblick auf die Entwicklung von Tools zur Prävention von Extremismen, die themenübergreifend gedacht sind und in unterschiedlichen Ländern eingesetzt werden können.

•Was hat Sie konkret motiviert, sich an der Ausschreibung für das sehr renommierte ISFP zu beteiligen?
-Langjährige Expertise im Hinblick auf extrem rechte Radikalisierungsprozesse, die jetzt in den internationalen Kontext einbezogen werden sollten
-Die Anfrage des Konsortiums in die Forscher*innengruppe einzusteigen

•Was werden bei der Durchführung Ihres von der EU unterstützten Projekts die interessantesten Aspekte und Zielmarken sein?
Da das Projekt schon fast abgeschlossen ist haben wir die Zielmarken schon erreicht bzw. sind im Abschluss begriffen. Dies waren vor allem die Analyse des Bedarfs im Bereich Extremismusprävention - ein Feld das in Deutschland schon sehr weit entwickelt ist. Dazu wurde mit dem Erhebungsinstrument der Gruppendiskussion gearbeitet und als Bedarf konnte die Ausbildung der Multiplikatorinnen (wie Schulsozialarbeiterinnen und politische Bildnerinnen) in deeskalierender und den Dialog öffnender Gesprächsführung ermittelt werden. Es folgte die Entwicklung eines eigenen Tools zur Gesprächsführung im Kontext der Prävention von Extremismen sowie dessen Test im Kontext von Schulsozialarbeit und außerschulischer Jugendbildung. Auch wurde der Ertrag mit den Multiplikatorinnen reflektiert. Von unserem Team wurde darüber hinaus auch eins der Tools, die von den anderen Partnerinnen entwickelt wurden im deutschen Kontext getestet. Im Verlauf des Projekts entstand ein enger Kommunikationskreis zwischen Vertreterinnen der Praxis und der Wissenschaft, der – so sieht es momentan aus – auch über das Projekt hinaus aufrecht erhalten wird.

•Was waren bisher Ihre wichtigsten Meilensteine und Etappen auf dem Weg hin zur erreichten Auszeichnung der EU?
Meine Berufliche Praxis im Bereich der außerschulischen politischen Bildung sowie die Entwicklung einer langjährigen Forschungsexpertise im Bereich biographischer Rekonstruktionen extrem rechter Radikalisierung sowie ein BMBF gefördertes Forschungsprojekt zur frühen Distanzierung von radikalen Islamauslegungen.

•Die Anbahnung und Durchführung eines EU-Forschungsprojektes beruht auf einem hohen Grad an Engagement und Antragsvorbereitung. Welche praktischen Tipps möchten Sie Forschenden mit auf dem Weg geben, die sich mit ihren Projekten erfolgreich am europäischen Forschungsrahmenprogramm beteiligen möchten? (ggf. Ergänzungsfrage: Von welcher Seite haben Sie Unterstützung für Ihre Bewerbung für das ISFP erhalten?)
-Sofern die Forschung im sozialwissenschaftlichen Bereich angesiedelt ist, sollte frühzeitig realisiert werden, dass die Forschung und die Praxis in den jeweiligen EU-Ländern zu einzelnen Themenfeldern sehr unterschiedlich entwickelt ist und unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen unterliegt. Das vermeintliche Verstehen ist deshalb nur oberflächlich. Es muss sehr genau daran gearbeitet werden Begriffe und soziale Phänomene zu definieren - und damit eine gemeinsame Sprache zu finden.
-Die Organisation und Administration eines solchen Projekts ist außergewöhnlich aufwendig, so dass ich sehr froh bin, durch die Forschungsabteilung meiner Hochschule sehr gut unterstützt worden zu sein.