Hat Kunststoff eine Zukunft? - 1

Hochschule Darmstadt

Die Bilder von Meeresschildkröten mit eingewachsenen Plastikringen oder von tausenden Einkaufstüten in der Sahara geben dem Kunststoff ein schlechtes Image. Aus fossilen Rohstoffen hergestellt und biologisch nicht abbaubar, scheint er eines der größten Übel unseres Planeten zu sein. Zu Unrecht, wie der Leiter des Bachelorstudiengangs Kunststofftechnik, Prof. Dr.-Ing. Martin Moneke, mir versichert. Denn die Kunststoffindustrie ist nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit in Bewegung. In unserem Interview will er mit Vorurteilen aufräumen und macht sich mit großer Leidenschaft für den Werkstoff stark. Im Kunststoff sieht er für die Zukunft ein riesiges Potenzial an Entwicklungsmöglichkeiten und traumhaften Bedingungen am Arbeitsmarkt. Vor allem technisch interessierte Querdenker können nach dem Studium der Kunststofftechnik auf interessante und lohnenswerte Karrieremöglichkeiten blicken. Wir haben Prof. Dr.-Ing. Martin Moneke in seinem Fachbereich an der Hochschule Darmstadt besucht und uns mit ihm über die Zukunft des Werkstoffs unterhalten.

Prof. Dr. Moneke, betrachten wir die drängenden Nachhaltigkeitsthemen, scheinen schnell nachwachsende und biologisch abbaubare Naturrohstoffe die Lösung für unseren Planeten. Hat Kunststoff überhaupt eine Zukunft?

Unbedingt! Kunststoffe durchdringen unser tägliches Leben. Unser Alltag ist ohne Kunststoffe gar nicht mehr vorstellbar. Natürlich ist das schlechte Image von Kunststoffen ein Stück weit geprägt durch unsere Einweg- und Wegwerfgesellschaft. Und berechtigterweise müssen wir uns die Frage stellen, ob wirklich so viele Produkte des Alltags unbedingt benötigen werden. Ich sehe das größte Problem allerdings nicht aufseiten des Werkstoffs, sondern eher aufseiten der Menschen und wie sie mit Kunststoff umgehen. In einigen Ländern und auch Deutschland haben wir in den letzten Jahren bereits ein starkes Umweltbewusstsein in dieser Hinsicht aufbauen können, in anderen Ländern wiederum gibt es mit Sicherheit noch viel Nachholbedarf. 

Bei der Frage der Nachhaltigkeit von Kunststoffen sollten wir mehr differenzieren. Die Antwort darauf beschränkt sich ja nicht allein auf die Herstellung, sondern auch auf die Verarbeitung und spätere Recyclingfähigkeit. Vielleicht sollten wir uns zunächst einmal ansehen, in welcher Relation Kunststoff bei seiner Herstellung zur Gesamtnutzung fossiler Rohstoffe steht. Wenn wir uns hier einmal die Zahlen ansehen, relativiert sich das Bild vielleicht schon ein wenig und wir werden feststellen, dass der größte Teil – nämlich knapp 90 % – des produzierten Erdöls und Erdgases in Form von Treibstoffen und für die Wärmegewinnung bzw. Elektrizitätserzeugung direkt verbrannt wird und nur 5 % zunächst zu Kunststoffen verarbeitet und meist nach ihrer Nutzung verbrannt werden. Im Gegensatz zu Treibstoffen haben sie also vor dem Verbrennen noch einen zweiten Nutzen. 

Der Großteil der hergestellten Kunststoffe findet sich allerdings entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht in Strohalmen und Plastiktüten wieder. Die Verpackungsindustrie verlangt zwar mit ca. 40%, zusammen mit den ca. 20% in der Bauindustrie den Löwenanteil der in Europa produzierten Kunststoffmenge, aber in der Automobilindustrie, in der Elektro- und Elektronikindustrie, in der Medizintechnik oder der Luftfahrt werden viele Produkte aus Kunststoffen gefertigt, die dort z.B. über Leichtbau den CO2-Ausstoß vermindern helfen. Schauen wir uns hier den Bedarf an Kunststoffen an, werden wir schnell feststellen, dass dieser durch schnell nachwachsende Naturrohstoffe gar nicht gedeckt werden kann. Ich sehe übrigens in der Diskussion über Nachhaltigkeit und den Verboten von Plastiktüten oder Strohhalmen mittlerweile sogar eine Chance – nämlich die, aus der vermeintlichen Schmuddelecke des Billigproduktes Kunststoff wieder herauszukommen. 

Ja, Kunststoff hat nicht das beste Image …

Lassen Sie mich vor allem einmal mit dem größten Irrtum über Kunststoff aufräumen: Kunststoff ist nicht billig. Im Einkaufspreis ist hochwertiger Kunststoff sogar oft teurer als Stahl oder Glas. Das Image entstand vor allem dadurch, dass die Verarbeitung von Kunststoffen so genial einfach ist, und das bei einem wesentlich geringeren Energieaufwand bei der Verarbeitung im Vergleich zu Glas oder Stahl. Im Urformverfahren werden die Kunststoffe oft bereits mit den später benötigten Verbindungselementen wie Clips, Schraub- oder Steckverbindungen verarbeitet, was natürlich einen großen Effizienzvorsprung gegenüber anderen Materialien darstellt. Und an dieser Stelle wird der Einsatz von Kunststoffen dann wirklich günstig, und er ist wesentlich einfacher zu verarbeiten. Durch diesen gewaltigen Effizienzvorsprung konnte Kunststoff diesen unglaublichen Siegeszug als Werkstoff hinlegen.

Hier geht's zu Teil 2

In Kürze folgt Teil 3